Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung (ILEB)

Alle Schülerinnen und Schüler erhalten eine individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung.

Ein Praxisbeispiel zu ILEB an der Schule für Sehbehinderte  St. Michael in Waldkirch 

"Und was kochen wir heute???“ - Vom Konsument zum Selbstversorger

(Anmerkung:
Im November 2012 erfolgten unter Federführung des Landesinstituts für Schulentwicklung und des Regierungspräsidiums Dreharbeiten zur Dokumentation eines ILEB-Beispiels an der Schule für Sehbehinderte unter dem Fokus "Aktivität und Teilhabe". Der Film zeigt ein Beispiel aus dem WAG-Unterricht zu "Lebenspraxis und Selbstversorgung". Er bildet den ILEB-Prozess anhand kurzer Ausschnitte zur funktionalen Sehdiagnostik, zur kooperativen Förderplanung und zu individuellen Bildungsangeboten ab. Der Film wird in Kürze auf die Homepage gestellt. Die Kommentare zu den Szenen sind kursiv wiedergegeben. Sie nehmen zwar auf den Film Bezug, sind aber auch für sich allein aussagekräftig und zur Veranschaulichung  geeignet.)

Die Kinder und Jugendlichen, die die Staatliche Schule für Sehbehinderte St. Michael in Waldkirch mit angeschlossenem Internat besuchen, haben sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen und einen erweiterten Bildungsanspruch. Die pädagogischen Angebote der Grund-, Werkrealschul- und Förderschulbildungsgänge sowie der Abteilung für Mehrfachbehinderte werden daher ergänzt durch Lern- und Entwicklungsangebote, die speziell auf das einzelne Kind bzw. den Jugendlichen ausgerichtet sind, mit dem Ziel, dass die Schülerin bzw. der Schüler so selbständig und selbstbestimmt wie möglich das eigene Leben gestalten kann.

ILEB

Die Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung ist fester Bestandteil des Schulkonzepts der Staatlichen Schule für Sehbehinderte. Die fünf Instrumente von ILEB (Diagnostik, Kooperative Förderplanung, Individuelles Bildungsangebot, Leistungsfeststellung und Dokumentation des Gesamtprozesses) bieten die fachlich-inhaltlichen sowie organisatorisch-strukturellen Voraussetzungen, den Schülerinnen und Schülern ein möglichst hohes Maß an Aktivität und Teilhabe in der Gesellschaft zu sichern.  

Funktionale Sehdiagnostik

Die Bildungs- und Förderangebote an der Schule für Sehbehinderte werden auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler - insbesondere auf ihr spezielles Sehvermögen - abgestimmt. Augenärztliche Befunde über die Sehfähigkeit bilden die Basis für die orthoptische Sprechstunde. Dies ist ein spezielles sonderpädagogisches Angebot der visuellen Funktionsdiagnostik. Im Rahmen der orthoptischen Sprechstunde wird das funktionale Sehen der Schülerin bzw. des Schülers überprüft, d.h. das Sehen unter Alltagsbedingungen. Die augenärztliche Diagnose der Sehfähigkeit fand unter klinischen Bedingungen in der Augenarztpraxis statt. Das tatsächliche Sehvermögen im Alltag unterliegt vielen Einflüssen. Es werden zum Beispiel äußere Faktoren wie Beleuchtung, Ordnung und Überschaubarkeit der Situation ebenso berücksichtigt, wie subjektive Bedingungen. Dazu zählen Faktoren wie Tagesform und Motivation, der allgemeine Gesundheitszustand und die psychische Verfassung des Kindes bzw. des Jugendlichen.

Zu einer differenzierten Diagnostik des funktionalen Sehens gehört z.B. die Überprüfung der Fähigkeit zur Fixation, der Augenstellung, der Augenbeweglichkeit und der Augenfolgebewegung. Auch das Farbsehvermögen wird getestet. Die zerebrale Reizverarbeitung wie z.B. das Kontrastsehen oder die räumliche Wahrnehmung sowie die Konzentrationsfähigkeit werden ebenso überprüft. Außerdem wird an beiden Augen die Sehschärfe in der Nähe und in der Ferne unter Alltagsbedingungen gemessen und der eventuelle Vergrößerungsbedarf festgestellt.

Die zentrale Frage bei der funktionalen Sehdiagnostik ist dabei, wie sich das Sehen im Hinblick auf Aktivität und Teilhabemöglichkeiten auswirkt.

Daraus lassen sich viele weitere Fragen ableiten, die es in der Begleitung der Schülerin bzw. des Schülers im Schulalltag, zu Hause und gegebenenfalls im Internat im Sinne einer prozessorientierten Diagnostik zu berücksichtigen gilt und die eine enge Kooperation aller am Lern- und Entwicklungsfortschritt des Kindes bzw. des Jugendlichen Beteiligten notwendig machen:

Hat sich das Sehvermögen im Vergleich zur letzten Überprüfung verändert? Welche optischen oder elektronischen Hilfsmittel ermöglichen oder erleichtern das Sehen im Alltag?

Welche Strategien im Umgang mit dem eingeschränkten Sehvermögen hat sich die Schülerin bzw. der Schüler schon angeeignet, welche könnten hilfreich sein? Wie sollte  die Umgebung gestaltet sein, um möglichst optimale Lernbedingungen zu schaffen?

Aufbauend auf den Informationen, die sich durch die Diagnostik ergeben, werden im Rahmen der Kooperativen Förderplanung unter Berücksichtigung aller Anhaltspunkte und Fragestellungen individuelle Bildungsangebote vereinbart. Selbstverständlich werden dabei die individuellen Lernbedürfnisse und Lernfortschritte der Schülerin bzw. des Schülers einbezogen sowie entwicklungshemmende und – förderliche Faktoren im persönlichen Umfeld der Schülerin bzw. des Schülers bei den Überlegungen berücksichtigt. Die individuellen Angebote werden auf die Lern- bzw. Lebenssituation und eventuelle Veränderungen der Lebensumstände der Schülerin bzw. des Schülers angepasst.

Im Film wird gezeigt, wie eine Orthoptische Sprechstunde an der Schule für Sehbehinderte ablaufen kann. Der 12-jährige Naser kommt mit der Frage in die Sprechstunde, welche Hilfsmittel ihm das Sehen künftig erleichtern könnten. Seine vorhandene Hellfeldlupe ist in einem schlechten Zustand, außerdem wird nach eingehender Testung des funktionalen Sehens ein höherer Vergrößerungsbedarf festgestellt. Frau Weis (Pädagogin und Orthoptistin) bietet Naser verschiedene optische und elektronische Sehhilfen an, um sie auszuprobieren. Die Ergebnisse bezüglich der Testung des Sehvermögens und des Hilfsmittelbedarfs werden dokumentiert und dienen als Gesprächsgrundlage für die Förderplanung mit den Eltern und den Pädagogen.

Kooperative Förderplanung

Mindestens zweimal im Schuljahr finden an der Schule für Sehbehinderte für jede Schülerin und jeden Schüler Förderplangespräche statt. Hierzu lädt die Klassenlehrerin bzw. der Klassenlehrer alle am Erziehungs- und Entwicklungsprozess des Kindes bzw. des Jugendlichen Beteiligten und gegebenenfalls die Schülerin bzw. den Schüler selbst ein.

Inhaltliche Schwerpunkte des Gesprächs sind die persönliche Lebens- und Lernsituation des Kindes bzw. des Jugendlichen in Schule, Elternhaus und gegebenenfalls im Internat, sowie sein Lernpotenzial und Anforderungen seines Umfeldes.

Lern- und Entwicklungsziele, die im letzten Gespräch vereinbart wurden, werden ausgewertet und auf ihre Wirksamkeit hin überprüft, gegebenenfalls fortgeschrieben oder modifiziert.

Die Gesprächsteilnehmer einigen sich auf die wichtigsten Entwicklungsfelder.  Unter Berücksichtigung der persönlichen Stärken und der individuellen Lernausgangslage der Schülerin bzw. des Schülers werden Bildungs- und Förderziele neu formuliert oder fortgeschrieben und Unterstützungsmöglichkeiten vereinbart. Dies geschieht immer mit dem Anspruch, das Kind bzw. den Jugendlichen dazu zu befähigen, möglichst selbständig und selbstbewusst zu werden, um aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. 

Die daraus resultierenden individuellen Bildungsangebote werden im Gesprächsprotokoll unter Angabe der Rahmenbedingungen, z.B. der dabei beteiligten Personen, dem zeitlichen Umfang, der Dauer etc. festgehalten. Zur Erstellung des Protokolls kann eine speziell dafür entwickelte Vorlagenmaske verwendet werden. Eine Arbeitsgemeinschaft aus Lehrer- und Erzieherkollegium befasst sich im Moment mit der Entwicklung eines einheitlichen Rasters für die Dokumentation der Gespräche und der Förderpläne. 

Am Ende eines Schuljahres wird an der Schule für Sehbehinderte von der Klassenlehrerin bzw. dem Klassenlehrer ein kompetenzorientierter Entwicklungsbericht verfasst, in dem unter anderem die in den Förderplangesprächen vereinbarten Bildungsziele aufgeführt werden.

Im Filmbeispiel wird beim Förderplangespräch Bezug genommen auf die Förderziele aus dem letzten Gesprächsprotokoll des vergangenen Schuljahres. Dort wurde beispielsweise vermerkt, dass Naser die Handhabung seiner Hellfeldlupe und seines Monokulars weiter üben und diese selbstbewusster und selbständiger zum Einsatz bringen sollte. Dieses Ziel wird überprüft und Möglichkeiten der weiteren Vertiefung besprochen z.B. ein Monokulartraining während des Einkaufens im WAG-Unterricht durch die Klassenlehrerin bzw. eine weitere Lehrperson als Differenzierungskraft. 

Individuelles Bildungsangebot

Das Bildungsangebot an der Schule für Sehbehinderte umfasst neben den Bildungsinhalten  der Grund-, Werkreal-, und -Förderschule sowie der Schule für Geistigbehinderte noch sieben weitere Bildungsbereiche, die im Bildungsplan der Schule für Blinde und der Schule für Sehbehinderte aufgeführt sind: Wahrnehmung und Lernen; Methodenkompetenz; Kommunikation; Identität und Umgang mit anderen; Lebenspraxis; Bewegung, Orientierung und Mobilität sowie der Bildungsbereich Lebensentwürfe und Lebensplanung.

Das Bildungsangebot wird auf die Lernausgangslage und die Bedürfnisse der einzelnen Schülerin bzw. des einzelnen Schülers ausgerichtet, Lernziele werden entsprechend individuell formuliert. Dies macht eine Differenzierung der Unterrichtsangebote für die einzelnen Kinder bzw. Jugendlichen innerhalb der Klasse notwendig, teilweise ist durch die personelle Unterrichtsversorgung über das Differenzierungskontingent ein Unterrichten im Team möglich. 

Wie im Filmbeispiel gezeigt, geht Naser mit seiner Klasse im Rahmen des Unterrichts regelmäßig einkaufen. Es werden z.B. Lebensmittel zur späteren Zubereitung des Mittagessens besorgt. Dabei entwickelt der hochgradig sehbehinderte Schüler lebenspraktisch Fähigkeiten, die frühzeitig und beständig eingeübt werden, damit er Handlungsstrategien entwickeln kann, um sein Leben später möglichst selbständig bestreiten und sich selbst versorgen zu können.

Einzukaufen ist für einen hochgradig sehbehinderten Schüler wie Naser, nicht einfach. Da Naser unter 10% sieht und noch nicht über umfassende Orientierungsstrategien verfügt, hat er Schwierigkeiten, sich im Supermarkt zurechtzufinden. Er lernt beispielhaft, wie Lebensmittelmärkte üblicherweise strukturiert sind, damit ihm künftig die Orientierung beim Einkaufen leichter fällt.

Zum Lesen kleiner Schrift wie z.B. bei Preisen oder Mengenangaben auf Verpackungen muss Naser mit den Augen nahe heran gehen. Er setzt seine Hilfsmittel wie Monokular und Lupe zur Orientierung und zum Lesen ein. Um sicher zu werden im Umgang mit seinen Hilfsmitteln, braucht Naser Übung. Ein selbstbewusster Einsatz der Sehhilfen erfordert Mut, weil damit die Behinderung in der Öffentlichkeit gezeigt werden muss. Häufiger als andere Personen sind Menschen mit einer Sehbehinderung auch auf Auskünfte oder Hilfestellungen fremder Personen angewiesen. Naser lernt mit Unterstützung seiner Lehrerin, situationsangemessen Kontakt aufzunehmen und um Hilfe zu bitten. Gesprächsabläufe werden zudem im Rollenspiel innerhalb der Klasse eingeübt.

Beim Bezahlen an der Kasse ist es notwendig, dass Naser die Münzen gut unterscheiden kann, nur so kann er mit Kleingeld bezahlen und das Wechselgeld auch kontrollieren. Daher werden im Unterricht speziell mit ihm Strategien zum Ertasten der Geldwerte eingeübt.

Auch bei der Nahrungszubereitung ist es für Menschen mit einer starken Sehbeeinträchtigung wichtig, sich Grundtechniken und die Benutzung entsprechender Hilfsmittel wie sprechende Messinstrumente, Schneidehilfen, optische Hilfsmittel etc. anzueignen. An der Schule für Sehbehinderte wird der Fächerverbund Wirtschaft-Arbeit-Gesundheit (WAG) ab der Klasse 5 der Werkrealschul- und Förderschulabteilung fünfstündig angeboten. In dieser Unterrichtszeit wird der jeweiligen Klasse die Benutzung der sehbehindertengerecht gestalteten Schulküche ermöglicht (Kontrastierende dunkle Arbeitsfläche, Elektrogeräte mit optischen und akustischen Signalen, Beschriftung der Schubladen mit Großdruck, gute Ausleuchtung…). Außerdem sind die meisten Klassenräume der Schule mit einer Küchenzeile ausgestattet, sodass das Einüben lebenspraktischer Fähigkeiten im Unterrichtsalltag umgesetzt werden kann.

Die Schule für Sehbehinderte arbeitet in den Bereichen "Orientierung und Mobilität (O&M)" sowie "Lebenspraktische Fähigkeiten" eng mit externen Fachdiensten zusammen: Schülerinnen und Schüler mit einer hochgradigen Sehbehinderung oder Blindheit erhalten bei Bedarf sowohl O&M-Training als auch zusätzliche Übungseinheiten zu Lebenspraktischen Fähigkeiten durch einen externen Trainer für Orientierung und Mobilität.

Im Internat der Schule machen die älteren Schülerinnen und Schüler einen "Ausgehführerschein", um ohne Begleitung eines Erwachsenen in ihrer Freizeit das Schulgelände verlassen zu können und selbständig in die Stadt zu gehen.

An der Schule für Sehbehinderte wird der Arbeitsplatz für jede Schülerin und jeden Schüler individuell angepasst. Nasers Schreibtisch ist z.B. in der Höhe auf seine Körpergröße angepasst, die Neigung der Tischplatte auf seine Bedürfnisse eingestellt, um ihm trotz geringem Sehabstand eine rückenschonende Sitzhaltung zu ermöglichen. Eine  Einzelplatzleuchte ermöglicht optimale Lichtverhältnisse. Dabei wird die Ausleuchtung des Arbeitsplatzes in Bezug auf Helligkeit und Lichtfärbung für jede Schülerin und jeden Schüler speziell angepasst um die Sehfähigkeit voll auszuschöpfen. Naser benötigt zusätzlich optische und elektronische Hilfsmittel wie beispielsweise seine Hellfeldlupe und das Bildschirmlesegerät. Die Benutzung und sachgemäße Versorgung der Sehhilfen lernt Naser im Unterrichtsalltag unter fachmännischer Anleitung seiner Klassenlehrerin (Sehbehindertenpädagogin). Auch sein Arbeitsmaterial wie Schreibgeräte, Lineaturen und die übersichtlich gestalteten Arbeitsblätter mit vergrößerter Schrift  sind auf Nasers individuelle Bedürfnisse angepasst. Spezielle Ordnungssysteme wurden konsequent eingeführt und der Gebrauch des PCs mit Vergrößerungssoftware - als wichtiges Hilfsmittel für Menschen mit einer Sehbehinderung - schon verbindlich ab Klasse 3 in zwei Unterrichtsstunden pro Woche eingeübt. Bei der sehbehindertenspezifischen Gestaltung der Lernumgebung gilt nicht der Grundsatz: „Viel hilft viel“, sondern „nur so viel Adaptation wie nötig – und so viel Normalität wie möglich“!

Leistungsfeststellung

An der Schule für Sehbehinderte wurden neben der herkömmlichen Form der Bewertung schulischer Leistungen wie Klassenarbeiten oder Projektpräsentationen in den Unterrichtsfächern verschiedene Formen der kompetenzorientierten Leistungsfeststellung konzeptionell verankert. Zum Beispiel wird im 7. Schuljahr in der Hauptstufe der Werkrealschul- und der Förderschule das Kompetenzanalyseverfahren Profil-AC durchgeführt und Fähigkeiten und Fertigkeiten in den kontinuierlich durchgeführten Berufspraktika per Beurteilungsbogen für jede Schülerin bzw. jeden Schüler dokumentiert und bewertet.

In einzelnen Klassen werden Schülerportfolios angelegt. Außerdem gibt es im Schulalltag in den Klassen ritualisierte Feedbackrunden zu Tages- oder Wochenabschnitten.

Eine individuelle Leistungsrückmeldung erhalten die Kinder und Jugendlichen auch über die prozessorientierten Förderplangespräche, die zweimal jährlich durchgeführt werden (siehe "Kooperative Förderplanung").

Abschließend kann festgestellt werden, dass ILEB sich an der Sehbehindertenschule als Instrument der Qualitätssicherung und der Schulentwicklung bewährt. Pädagogische Angebote werden durch den ILEB-Prozess individualisiert und auf ihre Wirksamkeit und Lebensrelevanz hin überprüft, die Lernumgebung optimaler gestaltet. Das Pädagogische Personal kooperiert intensiver und bindet Eltern und Fachkräfte in Form einer Erziehungspartnerschaft eng in die kooperative Förderplanung und die Gestaltung von Förder- und Bildungsangeboten ein.  

Nicole Adamski